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1854 – Wilhelm Krafft und der Neubeginn der Fahrnauer Rotgerberei

Eine Gerberei mit älteren Wurzeln

Die Geschichte des späteren Unternehmens Gebrüder Krafft beginnt im Jahr 1854. Doch es war nicht die Gründung einer völlig neuen Gerberei. Karl Wilhelm Krafft nahm zu Beginn dieses Jahres in Fahrnau eine bereits bestehende Rotgerberei wieder in Betrieb, deren Geschichte wesentlich weiter zurückreichte.

Ihre älteren Wurzeln führten zur Familie Flury. Nach der 1929 erschienenen Jubiläumsschrift betrieb der damalige Stabhalter Johann Nikolaus Flury bereits 1773 eine Rotgerberei in Fahrnau.

Zu ihr gehörte ein am Teich gelegenes Gerbhaus mit den für das Gerben der Häute erforderlichen Einrichtungen. Vom Gerbhaus führte ein Weg über den Teich zu einem Grundstück, auf dem sich die Gerbgruben befanden. Später wurde oberhalb des Gerbhauses ein Wohnhaus errichtet, das über einen Speicher zum Trocknen der gegerbten Häute verfügte.

Die Großeltern Karl Wilhelm Kraffts traten später die Flurysche Erbschaft an. Die dazugehörigen Gerbereieinrichtungen blieben nach Darstellung der Festschrift etwa vier Jahrzehnte unbenutzt, bevor Wilhelm Krafft sie 1854 wieder herrichtete und erneut in Betrieb nahm.

Der Beginn der späteren Firma Gebrüder Krafft war damit zugleich ein Neubeginn an einem bereits bestehenden Gerbereistandort.

Gerbertradition auf beiden Seiten der Familie

Das Gerberhandwerk war dabei nicht nur mit der Familie Flury verbunden.

Auch unter den Vorfahren der Kraffts gab es bereits einen Rotgerber. Die Festschrift nennt Hans Ullrich Krafft aus Auggen, der von 1742 bis 1790 lebte und als Rotgerber tätig war.

Damit trafen bei Karl Wilhelm Krafft zwei ältere handwerkliche Traditionen zusammen. Die Festschrift formulierte 1929 rückblickend, dass „von beiden Seiten her“ eine gewisse Tradition vorhanden gewesen sei, die 1854 wieder aufgenommen wurde.

Ein weiteres Zeugnis dieser älteren Krafftschen Familiengeschichte ist ein in der Jubiläumsschrift abgebildetes Gefäß mit der Aufschrift „Johann Ulrich Krafft 1782“.

Die Geschichte von 1854 beginnt deshalb nicht erst mit einer einzelnen Unternehmerpersönlichkeit. Sie steht auf einem familiären und handwerklichen Fundament, das mindestens bis ins 18. Jahrhundert zurückreicht.

Karl Wilhelm Krafft

Im Mittelpunkt des Neubeginns von 1854 stand Karl Wilhelm Krafft.

Er wurde am 14. April 1828 als Sohn des Weinhändlers Johann Georg Krafft und dessen Ehefrau Maria Elisabetha, geborene Sutter, geboren.

Seine Ausbildung führte ihn zunächst durch verschiedene Schulen. Er besuchte die Volksschule in Fahrnau, anschließend die höhere Bürgerschule in Schopfheim und danach eine Anstalt in der französischen Schweiz.

Schließlich entschied er sich für das Handwerk seiner Vorfahren: Karl Wilhelm Krafft wollte Rotgerber werden.

Die Ausbildung in Säckingen

Seine Lehrzeit absolvierte Karl Wilhelm Krafft in Säckingen.

Die Jubiläumsschrift gibt den Wortlaut seines Lehrbriefes wieder. Danach wurde er beim Gerbermeister Aloisi Brogli ausgebildet und erlernte dort das Gerberhandwerk während einer Lehrzeit von einem Jahr und sechs Monaten.

Am 25. Oktober 1846 wurde er von der zuständigen Zunft freigesprochen.

Der Lehrbrief ist für die Unternehmensgeschichte eine besonders wertvolle Überlieferung. Er dokumentiert nicht nur Kraffts Ausbildung, sondern gibt auch einen Einblick in die damalige Organisation des Handwerks. Ausgestellt wurde das Zeugnis im Umfeld der Zunft der Gerber, Färber und Hutmacher des großherzoglich-badischen Bezirksamtes und der Stadt Säckingen.

Damit lässt sich Karl Wilhelm Kraffts beruflicher Weg bereits Jahre vor dem Beginn des Fahrnauer Unternehmens konkret nachvollziehen.

Mehr als sechs Jahre auf Wanderschaft

Nach Abschluss seiner Ausbildung kehrte Karl Wilhelm Krafft nicht unmittelbar nach Fahrnau zurück.

Er ging auf Wanderschaft und war nach den Angaben der Festschrift mehr als sechs Jahre unterwegs. Dabei arbeitete er unter anderem in Berlin und Paris in seinem Beruf.

Für seine spätere Tätigkeit ist diese Phase bemerkenswert. Krafft kannte das Gerberhandwerk damit nicht ausschließlich aus dem Wiesental und seiner Lehrzeit in Säckingen. Er hatte über Jahre hinweg auch außerhalb seiner Heimat gearbeitet.

Welche konkreten technischen oder wirtschaftlichen Erfahrungen er während dieser Zeit sammelte und welche davon später in Fahrnau eine Rolle spielten, lässt sich aus der Jubiläumsschrift allein jedoch nicht bestimmen. Diese Frage bleibt weiteren Quellen vorbehalten.

Fahrnau im Jahr 1854

Als die Geschichte des späteren Unternehmens begann, war Fahrnau noch ein kleiner Ort.

Die Jubiläumsschrift nennt für 1854 lediglich 302 Einwohner.

Zum Vergleich zieht sie ein Universal-Lexikon von Baden aus dem Jahr 1843 heran. Damals soll Fahrnau 54 Häuser und insgesamt 282 Einwohner gezählt haben. Die Bevölkerung lebte überwiegend von Feldbau und Viehzucht.

Ganz ohne gewerbliche und industrielle Ansätze war der Ort allerdings nicht.

Für 1843 wird ein Eisenhammerwerk genannt, das unter anderem für dort gefertigte Wendelbäume und Wagenachsen bekannt gewesen sein soll. An dessen Stelle hatte Rudolf Singeisen aus Basel 1852 eine mechanische Weberei errichtet.

Wie rasch sich dieser neue Industriebetrieb entwickelte, zeigt eine zeitgenössische Übersicht aus dem Jahr 1862. Darin wird „Singeisen in Fahrnau“ bereits mit 70 Webstühlen aufgeführt.

Daneben bestanden nach der Festschrift eine Weinhandlung und eine Kunstmühle.

Eine zuvor von Merian & Köchlin in Lörrach betriebene chemische Bleiche war zu diesem Zeitpunkt bereits wieder eingegangen.

Das Fahrnau des Jahres 1854 stand damit am Beginn eines tiefgreifenden industriellen Wandels. Landwirtschaft prägte weiterhin einen großen Teil des örtlichen Lebens, zugleich entstanden bereits jene Betriebe, die das Erscheinungsbild des Ortes in den folgenden Jahrzehnten grundlegend verändern sollten.

Der Neubeginn im Jahr 1854

Vor diesem Hintergrund nahm Karl Wilhelm Krafft zu Beginn des Jahres 1854 die längere Zeit stillgelegte Rotgerberei wieder in Betrieb.

Die Festschrift bezeichnet diesen Schritt ausdrücklich als den bescheidenen Anfang der späteren Werke.

Dabei ist die Formulierung „wieder in Betrieb genommen“ entscheidend. Karl Wilhelm Krafft errichtete nicht einfach eine neue Gerberei. Er griff auf einen älteren Standort und vorhandene Gerbereieinrichtungen zurück, ließ diese wieder herrichten und nahm dort die Arbeit erneut auf.

Damit verband sich 1854 Altes mit Neuem: eine überlieferte Gerberei, handwerkliche Traditionen aus mehreren Familienzweigen und ein junger, ausgebildeter Rotgerber, der bereits mehrere Jahre Berufserfahrung außerhalb seiner Heimat gesammelt hatte.

Gleichzeitig begann sich auch das wirtschaftliche Umfeld Fahrnaus zu verändern. Mit der mechanischen Weberei Singeisen bestand seit 1852 bereits ein früher Industriebetrieb unmittelbar im Ort. Kraffts Neubeginn fiel damit in eine Phase, in der in Fahrnau handwerkliche Traditionen und die beginnende mechanisierte Produktion nebeneinander bestanden.

Vom alten Gerbhaus zum Industrieunternehmen

Was 1854 in Fahrnau begann, hatte zunächst wenig mit den großen Fabrikanlagen späterer Jahrzehnte gemeinsam.

Am Anfang stand die Wiederbelebung einer alten Rotgerberei in einem Dorf mit kaum mehr als 300 Einwohnern.

Gerade darin liegt die Bedeutung dieses Ausgangspunktes.

In den folgenden Jahrzehnten sollte sich nicht nur der Betrieb grundlegend verändern. Neue Produktionszweige kamen hinzu, Maschinen hielten Einzug, Fabrikgebäude entstanden und die Zahl der Beschäftigten wuchs. Gleichzeitig veränderte sich Fahrnau selbst.

Die Entwicklung des Unternehmens und die Entwicklung des Ortes sollten zunehmend miteinander verbunden sein.

1854 stand diese Geschichte erst am Anfang.

Quelle und Forschungsstand

Grundlage dieser Darstellung ist die Jubiläumsschrift 75 Jahre Gebrüder Krafft, Fahrnau (Baden), 1854–1929, zusammengestellt von Dr. R. Nutzinger und 1929 anlässlich des 75-jährigen Bestehens des Unternehmens veröffentlicht.

Die Festschrift enthält neben der eigentlichen Firmengeschichte zahlreiche biografische Angaben, historische Dokumente, Fotografien und Informationen zur Entwicklung Fahrnaus.

Als vom Unternehmen herausgegebene Jubiläumsschrift ist sie jedoch zugleich historische Quelle und unternehmerische Selbstdarstellung. Ihre Angaben werden im Rahmen dieses Forschungsprojekts deshalb schrittweise mit zeitgenössischen Dokumenten, archivalischen Quellen und weiteren unabhängigen Nachweisen verglichen.

Zu diesen Vergleichsquellen gehört eine zeitgenössische Übersicht von 1862, in der die Weberei Singeisen in Fahrnau mit 70 Webstühlen aufgeführt wird. Sie liefert einen unabhängigen zeitgenössischen Beleg für die frühe industrielle Entwicklung des Ortes.

Wo eine Überprüfung bislang nicht möglich ist, werden die Angaben ausdrücklich der Festschrift zugeschrieben.

Die Jubiläumsschrift von 1929 kann in der Digitalen Bibliothek vollständig durchgeblättert werden.

→ 75 Jahre Gebrüder Krafft – im Original blättern

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