Nessler Dauerwelle

Karl Ludwig Nessler (1872–1951)
Erfinder der Dauerwelle und internationaler Unternehmer

Erfinder der Dauerwelle und Unternehmer zwischen Schwarzwald, London und New York
Als Karl Ludwig Nessler am 2. Mai 1872 in Todtnau im Schwarzwald geboren wurde, konnte niemand ahnen, dass er einmal das Friseurhandwerk weltweit verändern würde. Aus dem Sohn einer badischen Familie wurde ein Erfinder, der das glatte Haar seiner Zeit in dauerhafte Wellen verwandelte – und damit eine neue Ära der Haarmode einleitete.
Schon früh interessierte sich Nessler für Haarstruktur, Technik und chemische Prozesse. Während viele Friseure sich vor allem auf Mode und handwerkliche Fertigkeit konzentrierten, dachte er experimentell. Ihn beschäftigte eine grundlegende Frage:
Kann man eine natürliche Haarwelle dauerhaft erzeugen – nicht nur für Stunden, sondern für Monate?
Diese Frage wurde zur Grundlage seiner späteren Erfindung.
London – Die entscheidende Phase
Um die Jahrhundertwende ging Nessler nach London. Dort, im pulsierenden West End, begann seine eigentliche Pionierarbeit.
In der Oxford Street, später auch in der South Molton Street und in der Dover Street, entwickelte er sein Verfahren zur dauerhaften Haarwelle weiter. London bot ihm das ideale Umfeld: internationale Kundschaft, technische Möglichkeiten und ein offenes Publikum für neue Ideen.
1908 ließ Nessler sein Verfahren patentieren. Damit war die technische Dauerwelle geboren.
In seinen Londoner Salons trat er häufig unter dem Namen „C. Nestle“ auf. In Anzeigen und Geschäftsunterlagen finden sich Bezeichnungen wie „Under Royal Patronage“ oder „Court Hairdresser“, was auf eine gehobene und internationale Kundschaft hinweist.
London wurde für Nessler nicht nur zum Experimentierfeld, sondern zur Bühne seines Erfolgs.
Von Europa nach Amerika
Mit dem Erfolg in England blieb es nicht. Nessler expandierte in die Vereinigten Staaten und gründete dort eigene Gesellschaften zur Vermarktung seiner Verfahren und Patente.
Seine Ideen reichten weit über die Dauerwelle hinaus. Zu seinen Entwicklungen gehörten unter anderem:
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Geräte zur Haarbehandlung
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Verfahren zur Haarpflege
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künstliche Wimpern
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technische Methoden zur Untersuchung von Haarstruktur und Haarwachstum
In den 1920er- und 1930er-Jahren war sein Name international bekannt. Seine Arbeiten beeinflussten die Entwicklung der Friseurtechnik ebenso wie die entstehende Kosmetikindustrie.
Mehr als nur Dauerwelle
Karl Ludwig Nessler war nicht nur Erfinder, sondern auch Unternehmer. Er verband handwerkliche Erfahrung mit technischer Innovation.
Seine Arbeit bewegte sich an der Schnittstelle von:
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Friseurhandwerk
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Technik
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Chemie
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industrieller Produktion
Mehr als 30 Patente in verschiedenen Ländern dokumentieren seine Innovationskraft. Viele davon entstanden in einer Zeit, in der elektrische Geräte im Friseurhandwerk noch Pionierarbeit darstellten.
Letzte Jahre
Nessler verbrachte seine späteren Jahre in den Vereinigten Staaten.
Er starb am 22. Januar 1951 in Harrington Park, New Jersey.
Sein Name bleibt bis heute mit der Entwicklung der Dauerwelle verbunden und steht exemplarisch für den Übergang vom traditionellen Friseurhandwerk zur modernen Haartechnik des 20. Jahrhunderts.
Familie
Karl Ludwig Nessler wurde am 2. Mai 1872 in Todtnau als Sohn von Bartholomäus Nessler und Rosina Nessler (geb. Laitner) geboren. Die Familie war im oberen Wiesental verwurzelt und über mehrere Generationen in Todtnau und der Umgebung nachweisbar. mehr dazu unter Familie
Er wuchs mit mehreren Geschwistern auf. Zu den dokumentierten Geschwistern zählen unter anderem:
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Karolina Nessler
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Leander Nessler
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Paulina Nessler
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Albertine Nessler
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Ernst August Albert Nessler
Im Jahr 1901 heiratete er Katherine Laible.
Aus der Ehe gingen mehrere Kinder hervor:
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Charles Nessler
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Rosa Nessler
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Catherine Violet Switzer (geb. Nessler)
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John Nessler
Die genealogischen Angaben beruhen auf kirchlichen, standesamtlichen und internationalen Archivquellen.

Region des südlichen Schwarzwaldes, in der Karl Ludwig Nessler aufwuchs

Karl Ludwig Nessler und seine Frau Katharina Nessler geb. Laible


Geburtshaus in Todtnau
In Todtnau wird heute ein Gebäude als „Nessler-Haus“ bezeichnet. Dieses Gebäude ist jedoch nicht das ursprüngliche Geburtshaus von Karl Ludwig Nessler.
Das historische Haus, in dem Nessler im Jahr 1872 geboren wurde, existiert heute nicht mehr. Es wurde bei einem späteren Brand zerstört. Das heute als „Nessler-Haus“ bekannte Gebäude entstand erst danach und dient vor allem der lokalen Erinnerung an den Erfinder der Dauerwelle.
Für die historische Forschung ist daher zwischen dem tatsächlichen Geburtsort Nesslers und der heutigen Erinnerungsstätte zu unterscheiden.
Haus Nr. 111 in Todtnau
In der Einwohnerliste von Todtnau aus dem Jahr 1842 erscheint unter der Hausnummer 111 die Familie Laitner. In diesem Haus lebten die Eltern von Rosina Laitner, der späteren Mutter von Karl Ludwig Nessler.
Rosina selbst ist in dieser Liste noch nicht aufgeführt, da sie erst 1844 geboren wurde. Ihr Bruder Isak Laitner arbeitete später als Bürstenmacher.
Kurz vor dem großen Brand von 1876 gehörte das Haus Nr. 111 Isak Laitner. Da neben seiner Familie auch weitere Angehörige im Gebäude lebten – darunter Mitglieder der Familie Bartolomäus Nessler – wurde das Anwesen in den Quellen teilweise als „Isak Laitner und Consorten“ bezeichnet.
Die historische Karte zeigt die Lage des Hauses am Eschner Kirchweg in Todtnau.

Anzeige von A. Busam, Zahntechniker in Fahrnau im Wiesental. Solche Anzeigen dokumentieren die Tätigkeit von Nesslers Lehrmeister.
Quelle: Markgräfler Zeitung, 1890.
Friseurlehre (Bader) bei Meister Busam
Nach dem Ende seiner Schulzeit begann Karl Ludwig Nessler seine erste Ausbildung im Friseurhandwerk im Wiesental. In Fahrnau trat er in die Lehre bei Meister Anton Busam ein.
Diese Lehrzeit dauerte jedoch nur etwa fünf Monate und gehört zu den weniger dokumentierten Abschnitten seiner frühen Biografie.
Historische Anzeigen und Adressverzeichnisse zeigen, dass Busam zu dieser Zeit in Fahrnau tätig war, wo er zunächst als Bader arbeitete. Der Beruf des Baders vereinte im 19. Jahrhundert verschiedene Tätigkeiten, darunter Rasieren, Haarpflege sowie einfache medizinische und zahnbezogene Behandlungen.
Spätere Quellen führen Busam als Dentisten bzw. Zahntechniker. Er verlegte seine Tätigkeit nach Schopfheim, wo er über viele Jahre hinweg nachweisbar ist und schließlich auch verstarb.
Die überlieferten Anzeigen, Adressbucheinträge und regionalen Quellen geben damit einen seltenen Einblick in das handwerkliche Umfeld, in dem Karl Ludwig Nessler seine ersten praktischen Erfahrungen sammelte.
Die Frage nach Nesslers Ausbildung ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Eine detaillierte Analyse dazu findet sich in der Archivarbeit zur möglichen Tätigkeit bei Anton Busam sowie die zugehörigen historischen Dokumente sind in einem eigenen Beitrag zusammengestellt.

Fremden- bzw. Aufenthaltsregister der Stadt Aarau, Eintrag zu Karl Nessler, Friseur, geboren 1872 in Todtnau (Baden). Stadtarchiv Aarau.
Aarau – Erste Station in der Schweiz
Nach seiner Schulzeit im Schwarzwald begann Karl Ludwig Nessler zunächst eine Ausbildung bei Meister Busam im Wiesental. Diese Lehrzeit dauerte nach Nesslers eigener späterer Aussage nur wenige Monate. Offenbar brach er die Ausbildung frühzeitig ab und suchte anschließend seinen eigenen Weg.
Nessler selbst erinnerte sich später an diese Zeit. In einem Brief an den Friseurmeister Oskar Decker in Karlsruhe vom 2. August 1938 schrieb er:
„Meine Eltern starben früh und ich schlug mich durch so gut es ging in der Schweiz, Frankreich, Italien und schliesslich in England. ein Geschäft lernte ich nie richtig Brannte durch als Babierlehrling nach fünfmonatigem Versuch und Betrieb allerhand bis ich mich endlich dem Friseurberuf widmete“
Aus einem Brief von Karl Ludwig Nessler an Friseurmeister Oskar Decker, Karlsruhe, 2.8.1938 (Deutsches Museum, München).
Zu den frühen Stationen seines Weges gehörte die Schweiz. Eine seiner ersten nachweisbaren Arbeitsorte war Aarau im Kanton Aargau, wo er als junger Friseur tätig war.
Ein Eintrag im Fremden- bzw. Aufenthaltsregister der Stadt Aarau bestätigt seinen Aufenthalt. In diesem Register wird Karl Nessler, geboren 1872 in Todtnau (Baden), mit dem Beruf Friseur aufgeführt. Solche Register dokumentierten die Anwesenheit auswärtiger Handwerker und Gesellen, die sich vorübergehend in der Stadt aufhielten.
Der Eintrag zeigt, dass Nessler bereits in jungen Jahren außerhalb seiner Heimat arbeitete und Teil jener Wanderbewegung von Handwerksgesellen war, die im 19. Jahrhundert weit verbreitet war.
Der Nachweis in Aarau wirft zugleich neue Fragen zur Ausbildung Nesslers auf, insbesondere im Zusammenhang mit einer möglichen frühen Tätigkeit in Schopfheim.
mehr Info zu Aarau
Von der Schweiz aus setzte Nessler seinen Weg fort. Eine weitere wichtige Station seiner frühen Laufbahn wurde Basel.

Eintrag zu Ludwig Nessler im Aufenthaltsregister der Stadt Basel. Der Eintrag nennt ihn als Coiffeur mit Wohnadresse Feldbergstrasse 27 und dokumentiert seine Aufenthaltsbewilligung ab Januar 1891.
Basel – Arbeit als Coiffeur
Nach seinen frühen Wanderjahren führte Karl Ludwig Nesslers Weg weiter nach Basel, eine der wichtigsten Städte am Oberrhein. Die Grenzstadt war im späten 19. Jahrhundert ein bedeutendes Zentrum für Handel, Handwerk und internationale Kontakte.
Ein Eintrag in einem Aufenthaltsregister der Stadt Basel dokumentiert Nesslers Aufenthalt. Dort wird Ludwig Nessler, geboren 1872 in Todtnau (Baden), mit dem Beruf Coiffeur geführt. Als Wohnadresse ist Feldbergstrasse 27 verzeichnet.
Die Unterlagen zeigen, dass Nessler im Januar 1891 eine Aufenthaltsbewilligung erhielt. In den Dokumenten werden unter anderem ein Zeugnis vom 13. Januar 1891 sowie weitere Aufenthaltsvermerke genannt. Die Bewilligung war zunächst bis Mai 1893 gültig.
Die Feldbergstrasse liegt im Basler Stadtteil Kleinbasel, der sich im 19. Jahrhundert stark entwickelte. In diesem Viertel lebten viele Handwerker, Arbeiter und wandernde Gesellen, die in der Stadt Arbeit suchten. Für junge Friseure bot Basel ein internationales Umfeld mit Kundschaft aus der Schweiz, Deutschland und Frankreich.
In den Bemerkungen des Registers wird vermerkt, dass Nessler sich „auf Wanderschaft“ befand und unter anderem durch die französische Schweiz reiste. Der Eintrag nennt ihn bereits als Coiffeur und zeigt damit, dass er zu dieser Zeit als Friseurgeselle, also als ausgebildeter Handwerker, tätig war.
Diese Wanderjahre gehörten zur typischen Laufbahn vieler Handwerksgesellen im 19. Jahrhundert. Basel bildete damit eine wichtige Station in Nesslers frühen Berufsjahren, bevor ihn sein Weg später nach London führte.

Zürich 1896 -1898
Ein Aufenthalt von Karl Ludwig Nessler in Zürich lässt sich heute durch mehrere unabhängige Quellen eindeutig belegen.
Eine Meldekarte der Zürcher Fremdenkontrolle dokumentiert seine Anmeldung zum 1. April 1896. Als Beruf ist „Coiffeur“ angegeben, als Wohnadresse die Weggengasse 1 in der Zürcher Altstadt. Der Eintrag bestätigt zugleich seine Herkunft aus Todtnau (Baden).
Die Aufenthaltsdauer ist ebenfalls klar nachvollziehbar. Die Karte weist eine Gültigkeit bis in das Jahr 1898 aus; die Abmeldung aus Zürich ist auf den 11. März 1898 datiert, als Zielort wird Todtnau angegeben.
Ein zusätzlicher Eintrag im Adressbuch der Stadt Zürich für das Jahr 1897 bestätigt diese Angaben. Dort ist Nessler unter „Nessler, Ludw., Coiffeur, Weggengasse 1“ verzeichnet (S. 889).
Damit ist erstmals ein mehrjähriger Aufenthalt Nesslers in Zürich gesichert. Die übereinstimmenden Angaben aus Meldekarte und Adressbuch belegen nicht nur seine Anwesenheit, sondern auch seine kontinuierliche Tätigkeit als Coiffeur in dieser Zeit.
Im Zusammenhang mit den bereits nachgewiesenen Stationen in Aarau (1890) und Basel (1891–1892) ergibt sich somit ein konsistentes Bild seiner Wanderjahre in der Schweiz. Zürich stellt dabei die bislang am besten dokumentierte Phase dar.
Meldekarte von Karl Ludwig Nessler, Zürich, 1896–1898.
Stadtarchiv Zürich, Einwohnerkontrolle (Fremdenregister).

Der junge Karl Nessler mit drei Kollegen bei einem Ausflug von Genf nach Luzern (ganz rechts Karl Nessler, ganz links C. Schwald sen.).
Quelle: Hans Lehmberg, Karl Nessler, Abbildung (ohne genaue Datierung), Kontext: Wanderjahre.
Offene Stationen der Wanderjahre
Für die Zeit nach Nesslers Aufenthalt in Basel liegen bislang nur wenige gesicherte Quellen vor. Zeitgenössische Hinweise, darunter ein Brief Nesslers aus dem Jahr 1938, deuten darauf hin, dass er während seiner Wanderjahre auch durch Frankreich und Italien reiste.
Während Aufenthalte in der Schweiz archivalisch belegt sind, fehlen für diese Regionen bislang konkrete Nachweise. Die folgenden Abschnitte geben den aktuellen Stand der Forschung wieder.
Genf – ohne archivischen Nachweis
Im Rahmen der Recherche wurden die Bestände der Archives d’État de Genève untersucht. Die ausgewerteten Quellen umfassen unter anderem Einwohnerverzeichnisse, Fremdenregister sowie polizeiliche und administrative Unterlagen.
Ein Eintrag zu Karl Ludwig Nessler konnte in diesen Beständen nicht festgestellt werden.
Ein Aufenthalt Nesslers in Genf ist damit archivalisch derzeit nicht belegt. Kurzzeitige Aufenthalte im Rahmen seiner Wanderjahre, etwa ohne behördliche Anmeldung, können jedoch nicht vollständig ausgeschlossen werden.
Paris – zwischen Annahme und Archivlage
Im Rahmen der Recherche wurde eine Anfrage an die Archive der Pariser Polizeipräfektur gestellt. Die durchgeführten Untersuchungen ergaben keinen Nachweis für einen Aufenthalt von Karl Ludwig Nessler in den entsprechenden Beständen.
Insbesondere konnte sein Name nicht im Register der Aufenthaltsgenehmigungen des Service des Étrangers (Bestand 328W) festgestellt werden.
Ein Aufenthalt Nesslers in Paris ist damit archivalisch derzeit nicht belegt. Kurzzeitige Aufenthalte im Rahmen seiner Wanderjahre, etwa zu Ausbildungszwecken, lassen sich jedoch nicht vollständig ausschliessen.
Die aktuelle Quellenlage spricht somit gegen einen längerfristigen Aufenthalt in Paris.
Mailand – kein Nachweis in amtlichen Registern
Eine Anfrage bei den zuständigen Archiven in Mailand, insbesondere bei den Beständen der Präfektur und der Polizei, ergab keinen Nachweis für einen Aufenthalt Karl Ludwig Nesslers.
Eine Registrierung in den entsprechenden Unterlagen konnte nicht festgestellt werden.
Ein Aufenthalt in Mailand ist damit archivalisch derzeit nicht belegt. Kurzzeitige Aufenthalte im Rahmen seiner Wanderjahre können jedoch nicht ausgeschlossen werden.
Einordnung
Die derzeitige Quellenlage zeigt, dass sich Nesslers Wanderjahre nur teilweise rekonstruieren lassen. Während Aufenthalte in der Schweiz klar belegt sind, fehlen für Frankreich und Italien bislang belastbare Nachweise.
Mögliche Reisen in diese Regionen sind daher eher als kurzfristige, bislang nicht dokumentierte Zwischenstationen innerhalb seiner Wanderjahre zu bewerten.

Zeitungsanzeige des Coiffeurs Olszewski, London (Berners Street / Leicester Square). British Library digital collection. Content provided by THE BRITISH LIBRARY BOARD. All rights reserved
London – Erste Jahre im West End
Ein entscheidender Hinweis auf den Beginn von Karl Ludwig Nesslers Londoner Phase stammt aus seiner eigenen Rückschau. In einem Schreiben aus dem Jahr 1938 gibt er an, im Juli 1897 nach London gegangen zu sein, um sich dort im Friseurberuf weiterzubilden. Diese Angabe fällt zeitlich in seinen dokumentierten Aufenthalt in Zürich und zeigt, dass die tatsächliche Abreise nach London vermutlich bereits vor seiner offiziellen Abmeldung im Jahr 1898 erfolgte.
Damit lässt sich erstmals ein konkreter Übergang von den nur teilweise belegbaren Wanderjahren zu einer klarer fassbaren Lebensphase herstellen.
Bereits in den ersten Jahren seines Aufenthalts in London arbeitete Nessler als Friseur im Londoner West End, im Umfeld der Great Castle Street und der Oxford Street. Hinweise aus zeitgenössischen Quellen sowie aus seiner eigenen Darstellung deuten darauf hin, dass er in dieser Zeit im Salon eines Coiffeurs im Umfeld des Leicester Square tätig war.
Eine zeitgenössische Werbeanzeige des Coiffeurs Olszewski, die im Umfeld des Leicester Square und der Berners Street verortet ist, bestätigt die Existenz eines entsprechenden Damen-Salons in genau diesem Gebiet. Diese Anzeige stellt einen wichtigen externen Beleg dar und verankert Nesslers eigene Angaben erstmals konkret im Londoner Stadtraum.
Die Gegend rund um die Oxford Street und das West End gehörte um 1900 zu den wichtigsten Geschäfts- und Modevierteln der Stadt. Für Friseure bot dieses Umfeld Zugang zu einer internationalen Kundschaft sowie zu einem Raum, in dem neue Techniken und modische Entwicklungen schnell Verbreitung fanden.
Der Weg dorthin begann jedoch deutlich früher. Bereits in jungen Jahren war Nessler im Friseurhandwerk tätig. Seine eigene Rückschau auf den Einstieg in den Beruf sowie die frühen Stationen in der Schweiz lassen sich zeitlich einordnen, werfen jedoch zugleich Fragen nach seiner tatsächlichen Ausbildung auf, die sich anhand der bisherigen Quellen nicht eindeutig beantworten lassen. Eine detaillierte Analyse dazu findet sich in der Archivarbeit zur möglichen Tätigkeit bei Anton Busam in Schopfheim.
In diesem Umfeld begann Nessler, seine Arbeiten zur dauerhaften Haarwelle weiterzuentwickeln. Die Jahre im Londoner West End bildeten damit eine zentrale Phase seiner beruflichen Entwicklung, bevor sein Name in der Londoner Friseurwelt zunehmend bekannt wurde.

Charles Nessler im Census of England and Wales von 1901, als Hairdresser in London geführt.
Quelle: Census of England and Wales 1901, St Pancras, London.
1901 London – Frühe Jahre als Friseur
Ein früher Einblick in das Leben von Karl Ludwig Nessler in London ergibt sich aus dem Census of England and Wales von 1901. Die Volkszählung dokumentiert seine Lebenssituation zu einem Zeitpunkt, als er noch am Beginn seiner beruflichen Laufbahn in der britischen Hauptstadt stand.
Im Census erscheint er unter dem Namen Charles Nessler. Als Alter sind 24 Jahre angegeben. Sein Geburtsort wird mit Germany vermerkt.
Als Beruf ist „Hairdresser“ eingetragen. Damit bestätigt der Census, dass Nessler bereits zu dieser Zeit als Friseur in London tätig war.
Der Eintrag nennt als Adresse:
176 Albany Street, St Pancras, London
Dort lebte Nessler als Boarder (Kostgänger) in einem Boarding House. Solche Pensionen waren im London der Jahrhundertwende weit verbreitet und dienten vielen jungen Handwerkern und Arbeitern als Unterkunft.
Der Haushalt wurde von Teresa Klanshrot geführt, die im Census als Haushaltsvorstand („Head“) aufgeführt wird. Neben Nessler lebten dort zahlreiche weitere Kostgänger mit unterschiedlichen Berufen.
Zum Haushalt gehörte außerdem eine Dienstangestellte:
Florence Seaforth, 24 Jahre alt, geboren in Reigate (Surrey), die im Census als Servant verzeichnet ist.
Der Eintrag zeigt Nessler in einer frühen Phase seines Lebens in London. Er lebte noch ohne Familie und war Teil eines größeren Haushalts von Kostgängern.
Nur wenige Jahre später sollte sich seine Situation grundlegend verändern. Mit der Entwicklung seiner Methode zur dauerhaften Haarwelle gelang ihm der Durchbruch im internationalen Friseurhandwerk.
Der Census von 1901 stellt damit eine der frühesten gesicherten Quellen zu Nesslers Londoner Zeit dar und dokumentiert seine Tätigkeit als Friseur, lange bevor seine Erfindung weltweite Bekanntheit erlangte.

Census of England and Wales, 1911: Haushalt von Charles Nessler in London mit Ehefrau Katharina (33), Sohn Karl George (9) und Tochter Rosa (6). Beruf: „Permanent Hairwaver“.
London – Familie und Geschäft
Spätestens zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte sich Karl Ludwig Nessler in London etabliert. Ein wichtiger Einblick in seine Lebenssituation ergibt sich aus dem Census of England and Wales von 1911, der seinen Haushalt in der britischen Hauptstadt dokumentiert.
In dem Eintrag wird Nessler unter dem Namen Charles Nessler geführt. Zum Zeitpunkt der Volkszählung war er 39 Jahre alt. Als Beruf ist „Permanent Hairwaver“ angegeben – ein Hinweis darauf, dass sein Verfahren zur dauerhaften Haarwelle zu diesem Zeitpunkt bereits angewendet und kommerziell genutzt wurde.
Die Volkszählung nennt als Wohnadresse 44 Fenchurch Road, London W. Dort lebte Nessler mit seiner Familie:
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Katharina Nessler, seine Ehefrau, 33 Jahre alt
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Karl George Nessler, Sohn, 9 Jahre alt
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Rosa Nessler, Tochter, 6 Jahre alt
Zum Haushalt gehörte außerdem eine Hausangestellte, Amy Reeves, 30 Jahre alt, die im Census als „general servant“ aufgeführt wird.
Der Eintrag enthält auch Angaben zur Ehe der Nesslers. Demnach waren Karl und Katharina seit zehn Jahren verheiratet und hatten zwei Kinder, die beide noch lebten. Diese Angaben bestätigen, dass die Familie bereits um 1901 in London lebte.
Die Wohnung in der Fenchurch Road umfasste sieben Räume. Das Haus lag in einem Wohnviertel im Westen Londons, in dem viele Angehörige der städtischen Mittelschicht lebten. Der Eintrag zeigt damit, dass Nessler zu dieser Zeit bereits ein gefestigtes Familien- und Berufsleben aufgebaut hatte.
Bemerkenswert ist auch, dass das Formular von Nessler selbst unterschrieben wurde. Damit liegt ein weiteres persönliches Dokument aus seiner Londoner Zeit vor.
Das Ende der Londoner Jahre
Mit dem Ausbruch des Erster Weltkrieg im Jahr 1914 veränderte sich die Situation für viele Deutsche in Großbritannien grundlegend. Auch Karl Ludwig Nessler, der seit Jahren in London lebte und dort erfolgreich arbeitete, war davon betroffen. Deutsche Staatsangehörige gerieten zunehmend unter politischen Druck, viele Geschäfte wurden geschlossen oder konnten nicht mehr weitergeführt werden.
In dieser Zeit endete auch Nesslers Londoner Phase. Die politischen Spannungen und wirtschaftlichen Einschränkungen machten eine Fortführung seiner Arbeit in England zunehmend schwierig.
In den folgenden Jahren verlagerte sich sein Leben und seine unternehmerische Tätigkeit schrittweise in die Vereinigten Staaten.
Die weitere Entwicklung seiner Arbeit, seine Firmen sowie seine Patente in Amerika werden auf der Projektseite charles-nessler.com ausführlicher dokumentiert.
Vertiefung: Staatenlosigkeit und Gesetzgebung
Die rechtliche Situation von Karl Ludwig Nessler in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg lässt sich nur im Zusammenhang mit der damaligen Gesetzgebung vollständig verstehen.
Insbesondere §21 des „Gesetzes über die Erwerbung und den Verlust der Bundes- und Staatsangehörigkeit“ von 1870 spielte dabei eine entscheidende Rolle und bildete die Grundlage für die spätere Bewertung seiner Staatsangehörigkeit.
Der Fall Nessler steht damit exemplarisch für eine ganze Generation von Auswanderern, deren rechtliche Zugehörigkeit durch bestehende Gesetze neu definiert wurde.
Zur ausführlichen Analyse der Staatenlosigkeit und des Gesetzes:
Karl Ludwig Nessler und §21 des Gesetzes von 1870
Die Entwicklung der Dauerwelle erfolgte jedoch nicht isoliert, sondern innerhalb eines internationalen Netzwerks von Friseuren und Technikern.
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