Nessler Dauerwelle
Gebrüder Krafft Fahrnau
Vom Gerberhandwerk zum Industrieunternehmen im Wiesental
Die Geschichte der Gebrüder Krafft in Fahrnau führt zurück in eine Zeit, in der sich das Wiesental grundlegend veränderte. Aus einer noch stark von Landwirtschaft und Handwerk geprägten Region entwickelte sich im Laufe des 19. Jahrhunderts zunehmend eine Industrielandschaft.
Fahrnau bei Schopfheim war Teil dieses Wandels.
Hier nahm Karl Wilhelm Krafft im Jahr 1854 eine seit längerer Zeit stillgelegte Rotgerberei wieder in Betrieb. Was zunächst in bescheidenem Umfang begann, entwickelte sich über mehrere Generationen zu einem Industrieunternehmen mit unterschiedlichen Produktionszweigen und zahlreichen Beschäftigten.
Die Geschichte von Krafft ist damit nicht nur Firmengeschichte. Sie erzählt zugleich von technischem Wandel, Unternehmerfamilien, Arbeitern und ihren Familien sowie von der Entwicklung Fahrnaus selbst.
Für die Nessler-Forschung besitzt sie darüber hinaus eine besondere Bedeutung: Auch die Familie des späteren Erfinders der Dauerwelle, Karl Ludwig Nessler, war mit Fahrnau verbunden.
Wurzeln bis ins 18. Jahrhundert
Das Jahr 1854 markiert den Beginn der späteren Unternehmensgeschichte, nicht jedoch den Beginn des Gerberhandwerks an diesem Ort.
Nach der 1929 erschienenen Jubiläumsschrift 75 Jahre Gebrüder Krafft betrieb bereits Johann Nikolaus Flury im Jahr 1773 eine Rotgerberei in Fahrnau. Zu ihr gehörten ein Gerbhaus, Gerbgruben und weitere Einrichtungen zur Verarbeitung und Trocknung der Häute.
Über eine Erbschaft gelangten diese Einrichtungen später in das familiäre Umfeld Karl Wilhelm Kraffts. Auch auf Seiten der Familie Krafft selbst bestand eine ältere Verbindung zum Gerberhandwerk. Die Jubiläumsschrift nennt Hans Ullrich Krafft aus Auggen (1742–1790) als Rotgerber.
Damit trafen bei Karl Wilhelm Krafft verschiedene handwerkliche Traditionen zusammen.
Als er 1854 die alten Einrichtungen wieder herrichten ließ und die Rotgerberei erneut in Betrieb nahm, begann deshalb keine Geschichte aus dem Nichts. Vielmehr wurde eine ältere Tradition unter neuen Voraussetzungen fortgesetzt.
Die Geschichte beginnt 1854
Wie aus der alten Rotgerberei der Ausgangspunkt des späteren Unternehmens wurde, welche Ausbildung Karl Wilhelm Krafft erhalten hatte und warum seine mehr als sechsjährige Wanderschaft bis nach Berlin und Paris führte, wird auf der ersten chronologischen Unterseite ausführlich dargestellt.
→ 1854 – Wilhelm Krafft und der Neubeginn der Fahrnauer Rotgerberei
Vom Gerberhandwerk zur industriellen Fertigung
In den folgenden Jahrzehnten veränderte sich der Betrieb grundlegend.
Aus dem traditionellen Gerberhandwerk entwickelten sich neue Produktionszweige. Maschinen übernahmen zunehmend Arbeitsschritte, die zuvor von Hand ausgeführt worden waren. Neben der Verarbeitung von Leder entstanden weitere Tätigkeitsfelder, und schließlich wurde auch die Herstellung von Schuhen zu einem wichtigen Bestandteil des Unternehmens.
Die Entwicklung führte damit Schritt für Schritt vom handwerklich geprägten Gerbereibetrieb zur industriellen Fertigung.
Dabei ging es nicht nur um größere Produktionsmengen. Neue Maschinen, Produktionsverfahren und technische Lösungen veränderten die Arbeit selbst. Die Geschichte der Gebrüder Krafft bietet deshalb zugleich einen Einblick in den technischen Wandel des 19. und frühen 20. Jahrhunderts.
Die zahlreichen erhaltenen Fotografien aus den Werkhallen machen diese Entwicklung heute noch sichtbar.
Krafft und Fahrnau
Mit dem Unternehmen veränderte sich auch sein Umfeld.
Als Karl Wilhelm Krafft 1854 die Rotgerberei wieder in Betrieb nahm, zählte Fahrnau nach den Angaben der Jubiläumsschrift lediglich 302 Einwohner. Wenige Jahrzehnte später hatten Industrialisierung, neue Arbeitsplätze und eine wachsende Bevölkerung das Erscheinungsbild des Ortes deutlich verändert.
Fabriken benötigten Arbeitskräfte. Arbeitskräfte benötigten Wohnungen. Verkehrsverbindungen, Versorgung und öffentliche Einrichtungen gewannen an Bedeutung.
Die Geschichte von Krafft lässt sich deshalb nicht unabhängig von der Geschichte Fahrnaus betrachten. Unternehmen, Arbeiterschaft und Gemeinde entwickelten sich über Jahrzehnte nebeneinander und beeinflussten sich gegenseitig.
Diese Verbindung zwischen Fabrik und Ort wird einen eigenen Schwerpunkt dieser Dokumentation bilden.
Technik, Maschinen und neue Produkte
Ein wichtiger Teil der Krafft-Geschichte ist die technische Entwicklung des Unternehmens.
Die Produktion blieb nicht auf die klassische Gerberei beschränkt. Im Laufe der Zeit kamen unterschiedliche Erzeugnisse und Produktionsverfahren hinzu. Maschinen ermöglichten eine zunehmende Mechanisierung und größere Stückzahlen.
Besonders interessant ist dabei der Übergang zur Schuhherstellung. Holzsohlen und später weitere Formen der Schuhproduktion zeigen, wie weit sich das Unternehmen schließlich von seinen ursprünglichen Anfängen als Rotgerberei entfernt hatte.
Die Jubiläumsschrift von 1929 dokumentiert diese Entwicklung nicht nur schriftlich. Zahlreiche Aufnahmen zeigen Maschinen, Werkhallen und einzelne Produktionsbereiche.
Diese Bilder werden auf den chronologischen Unterseiten gemeinsam mit weiteren historischen Quellen ausgewertet.
Menschen hinter dem Unternehmen
Hinter Krafft standen die Unternehmerfamilie und mehrere Generationen von Beschäftigten. Mit dem Wachstum des Betriebs entstanden neue Arbeitsplätze und unterschiedliche Berufe innerhalb der Fabrik.
Auch soziale Einrichtungen, Wohnverhältnisse und das Verhältnis zwischen Unternehmen und Belegschaft gehören deshalb zur Geschichte.
Gerade hier ist ein kritischer Umgang mit den Quellen wichtig. Eine zum 75-jährigen Firmenjubiläum herausgegebene Festschrift beschreibt soziale Maßnahmen naturgemäß aus Sicht des Unternehmens. Ihre Aussagen sollen deshalb, soweit möglich, mit weiteren zeitgenössischen und archivalischen Quellen verglichen werden.
So soll neben der Geschichte der Unternehmer auch die Geschichte der Menschen sichtbar werden, die in den Krafftschen Betrieben arbeiteten.
Fahrnau und die Familie Nessler
Für das International Hairdressing History Project begann die Beschäftigung mit Gebrüder Krafft ursprünglich durch eine andere Spur.
Bartolomäus Nessler, der Vater von Karl Ludwig Nessler, arbeitete in Fahrnau. Damit führt die Geschichte der Familie Nessler unmittelbar in das industrielle Umfeld des Ortes.
Karl Ludwig Nessler wurde am 2. Mai 1872 in Todtnau geboren. Seine Kindheit fiel genau in jene Jahrzehnte, in denen sich das Wiesental wirtschaftlich und gesellschaftlich stark veränderte.
Der Stadtbrand von Todtnau im Jahr 1876 bildete einen tiefen Einschnitt. In den folgenden Jahren begegnet uns die Familie Nessler auch im Umfeld von Fahrnau und Schopfheim.
Die Erforschung von Krafft hilft deshalb, einen Teil jener Lebenswelt sichtbar zu machen, in der Nessler aufwuchs, lange bevor er Friseur wurde und schließlich über verschiedene Stationen nach London gelangte.
Keine einfache Erklärung für Nesslers späteren Weg
Die Verbindung zwischen Krafft und Nessler sollte dabei nicht überinterpretiert werden.
Karl Ludwig Nesslers späteres Leben war von technischem Interesse und unternehmerischer Tätigkeit geprägt. Seine Dauerwellapparate, Patente und späteren Unternehmen zeigen deutlich die Verbindung von Handwerk, Technik und Geschäft.
Es wäre verlockend, darin einen unmittelbaren Einfluss des industriellen Umfelds seiner Jugend zu sehen.
Belegen lässt sich ein solcher direkter Zusammenhang bislang jedoch nicht.
Die Geschichte von Krafft kann uns zeigen, in welchem wirtschaftlichen und technischen Umfeld die Familie Nessler lebte. Ob dieses Umfeld Karl Ludwig Nesslers späteres Denken tatsächlich beeinflusste, bleibt eine offene Forschungsfrage.
Diese Unterscheidung zwischen belegbaren Zusammenhängen und möglichen Einflüssen ist ein wichtiger Grundsatz dieser Dokumentation.
Von Fahrnau über das Wiesental hinaus
Die Geschichte der Familie und des Unternehmens Krafft blieb nicht auf Fahrnau beschränkt.
Mit der weiteren Entwicklung entstanden Verbindungen über die Region hinaus. Personen, Kapital, Produktionsstandorte und geschäftliche Interessen führten schließlich auch in andere Orte und Länder.
Ein Teil dieser Spuren führt nach Basel, ein anderer nach Vorarlberg.
Wie eng diese verschiedenen Entwicklungen tatsächlich miteinander verbunden waren und welche Rolle einzelne Mitglieder der Familie Krafft dabei spielten, ist Gegenstand der laufenden Forschung.
Deshalb werden diese Geschichten zunächst getrennt untersucht. Ob daraus später eigene größere Darstellungen entstehen, bleibt bewusst offen.
Die Geschichte chronologisch entdecken
Diese Seite bildet den Einstieg in die laufende Dokumentation der Gebrüder Krafft in Fahrnau.
Die Unternehmensgeschichte wird Schritt für Schritt anhand der erhaltenen Quellen rekonstruiert. Neue Unterseiten entstehen jeweils dann, wenn ein Abschnitt ausreichend untersucht ist.
1854 – Neubeginn der Rotgerberei
Karl Wilhelm Krafft lässt die alten Gerbereieinrichtungen in Fahrnau wieder herrichten und nimmt die seit längerer Zeit stillgelegte Rotgerberei erneut in Betrieb. Seine Ausbildung, die älteren Gerbertraditionen der Familien und seine Wanderschaft bilden den Ausgangspunkt der späteren Unternehmensgeschichte.
→ 1854 – Wilhelm Krafft und der Neubeginn der Fahrnauer Rotgerberei
Weitere Kapitel werden mit dem Fortschritt der Forschung ergänzt.
Quellen und Forschungsstand
Eine zentrale Quelle für die bisherige Rekonstruktion ist die Jubiläumsschrift „75 Jahre Gebrüder Krafft, Fahrnau (Baden), 1854–1929“, zusammengestellt von Dr. R. Nutzinger und 1929 anlässlich des 75-jährigen Bestehens des Unternehmens veröffentlicht.
Die Festschrift enthält neben der Firmengeschichte zahlreiche Fotografien, biografische Angaben und Wiedergaben älterer Dokumente. Gleichzeitig handelt es sich um eine vom Unternehmen herausgegebene Jubiläumsschrift und damit auch um eine Form unternehmerischer Selbstdarstellung.
Ihre Angaben werden deshalb im Rahmen dieses Forschungsprojekts schrittweise mit historischen Fotografien, archivalischen Unterlagen, Adressbüchern, Patenten, Zeitungsberichten und weiteren zeitgenössischen Quellen verglichen.
Wo Zusammenhänge noch nicht eindeutig belegt werden können, werden sie als offene Forschungsfragen behandelt.
Stand der Forschung: August 2026