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Josef Mayer – Die realistische Welle und die Erfindung der Flachwicklung (1924)

  • Autorenbild: Nessler-Dauerwelle
    Nessler-Dauerwelle
  • 10. März
  • 5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 23. März


Die Entwicklung der Dauerwelle im frühen 20. Jahrhundert war das Ergebnis mehrerer technischer Innovationen, die das Friseurhandwerk grundlegend veränderten. Einen entscheidenden Ausgangspunkt bildete die Arbeit von Karl Ludwig Nessler, der zu Beginn des Jahrhunderts erstmals eine funktionierende Dauerwelltechnik entwickelte.

Diese sogenannte Heißwelle stellte einen bedeutenden Fortschritt dar, war jedoch technisch aufwendig, zeitintensiv und für moderne Frisurenformen nur eingeschränkt geeignet.

In den folgenden Jahrzehnten beschäftigten sich zahlreiche Friseure mit Verbesserungen dieser Methode. Zu den wichtigsten Weiterentwicklungen gehörte die Flachwicklung, die 1924 von Josef Mayer (* 6. Februar 1881 in Parabutsch; † 5. Januar 1952) vorgestellt wurde. Diese Technik ermöglichte es erstmals, auch kürzere Haare dauerhaft zu wellen und weichere, natürlichere Wellen zu erzeugen.

Herkunft und frühe Jahre

Josef Mayer wurde am 6. Februar 1881 in Parabutsch (Parabuć) in der Batschka geboren, einer Region, die damals zum Königreich Ungarn gehörte. Nach dem Ersten Weltkrieg änderte sich die politische Zugehörigkeit dieser Region mehrfach.

Seine berufliche Ausbildung begann im Friseurgeschäft seines Vaters. Schon früh entwickelte Mayer ein starkes Interesse an technischen und stilistischen Entwicklungen im Friseurhandwerk.

Wie viele ambitionierte Handwerker seiner Zeit ging Mayer nach seiner Lehrzeit auf Wanderschaft, um Erfahrungen in verschiedenen Städten und Ländern zu sammeln.

Lehrjahre in Europa

Zwischen 1898 und 1900 arbeitete Mayer zunächst in Budapest, wo er eine Fachschule für Friseure besuchte und bereits erste Preise gewann. Danach führte ihn sein Weg nach Wien, einem der wichtigsten kulturellen Zentren der damaligen Donaumonarchie.

Seine Wanderjahre führten ihn weiter nach:

  • Triest

  • Fiume (Rijeka)

  • Mailand

  • Genua

Besonders prägend waren jedoch seine Aufenthalte in den europäischen Modemetropolen:

  • Paris

  • London

  • Nizza

Diese internationale Ausbildung gab Mayer einen außergewöhnlich breiten Überblick über die Friseurtechniken seiner Zeit. Er lernte verschiedene Arbeitsweisen kennen und entwickelte ein tiefes Verständnis für die unterschiedlichen Anforderungen der europäischen Kundschaft.

Karriere in Karlsbad

Im Jahr 1901 kam Josef Mayer erstmals nach Karlsbad (Karlovy Vary), einem der bekanntesten Kurorte Europas. Karlsbad zog eine internationale und wohlhabende Kundschaft an, darunter Aristokraten, Industrielle und Künstler aus ganz Europa.

Nach mehreren Jahren im Ausland kehrte Mayer 1904 nach Karlsbad zurück und eröffnete dort ein eigenes Friseurgeschäft. Sein Salon entwickelte sich schnell zu einem erfolgreichen Damensalon mit mehreren Angestellten.

Ein großer Teil seiner Kundschaft stammte aus Russland und Osteuropa. Um seine Kunden besser betreuen zu können, lernte Mayer neben Französisch auch Russisch.

Internationale Anerkennung

Seine Fähigkeiten wurden früh international anerkannt. Während seiner Tätigkeit in Nizza gewann Mayer 1903 eine Goldmedaille bei einem wichtigen Friseurwettbewerb – als einziger ausländischer Teilnehmer.

Am 2. April 1906 erhielt er von der renommierten Fachschule der Friseurinnung in Nizza das Diplôme de Professeur. Dieser Titel zeigte, dass Mayer nicht nur als praktischer Friseur anerkannt war, sondern auch als Lehrer und theoretischer Experte seines Fachs.

Die Dauerwelle vor Mayer

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die Dauerwelle bereits bekannt. Der deutsche Friseur Karl Ludwig Nessler hatte um 1905 eine Methode entwickelt, bei der Haarsträhnen mit einer chemischen Lösung behandelt und anschließend mit elektrisch beheizten Wicklern erhitzt wurden.

Diese Technik stellte eine bedeutende Innovation dar, brachte jedoch mehrere Nachteile mit sich:

  • lange Behandlungszeiten

  • schwere und komplizierte Apparate

  • Gefahr von Verbrennungen

  • starke Belastung der Haare

Zudem war diese Methode ursprünglich vor allem für langes Haar geeignet.

Die Mode der 1920er Jahre

In den 1920er Jahren veränderte sich die Damenmode grundlegend. Der Kurzhaarschnitt – besonders der Bubikopf – wurde zum Symbol der modernen Frau.

Dieses neue Modeideal stellte das Friseurhandwerk vor ein Problem: Die Spiralwicklung der klassischen Dauerwelle funktionierte bei kurzem Haar kaum.

Damit entstand eine Situation, in der eine neue Frisur extrem populär war, die vorhandene Technik jedoch nicht optimal dazu passte.

Patente und technische Weiterentwicklung

Im Zuge der internationalen Verbreitung seiner Methode ließ Josef Mayer seine Entwicklungen auch patentieren. Ein Beispiel dafür ist das US-Patent US1619794, das technische Aspekte der Dauerwellbehandlung dokumentiert und die Weiterentwicklung bestehender Verfahren zeigt.

Dieses Patent gehört nicht zur ursprünglichen Erfindung der Dauerwelle durch Karl Ludwig Nessler, sondern steht für eine Phase der technischen Optimierung und Anpassung an moderne Frisurenformen der 1920er-Jahre.

Abb.: Patentzeichnung zur Dauerwelltechnik von Josef Mayer, veröffentlicht im US-Patent US1619794A (1927). Die Darstellung zeigt ein Gerät zur Haarumformung mit elektrischer Erwärmung und Wickeltechnik im Kontext der Weiterentwicklung der Dauerwelle.  Quelle: United States Patent Office, US1619794A
Abb.: Patentzeichnung zur Dauerwelltechnik von Josef Mayer, veröffentlicht im US-Patent US1619794A (1927). Die Darstellung zeigt ein Gerät zur Haarumformung mit elektrischer Erwärmung und Wickeltechnik im Kontext der Weiterentwicklung der Dauerwelle. Quelle: United States Patent Office, US1619794A

Die Erfindung der Flachwicklung (1924)

Josef Mayer begann bereits um 1909 mit Experimenten zur Verbesserung der Dauerwelltechnik. Nach vielen Jahren praktischer Versuche entwickelte er im Winter 1923/1924 eine neue Methode der Haarwicklung.

Diese Technik, die später als Flachwicklung oder Croquignole-Wicklung bekannt wurde, unterschied sich grundlegend von der bisherigen Spiralwicklung.

Die wichtigsten Neuerungen waren:

  • Wickeln der Haare von der Spitze zum Ansatz

  • Verwendung flacher Haarsträhnen

  • Wickler lagen flach an der Kopfhaut

Damit wurde es erstmals möglich, auch kurze Haare dauerhaft zu wellen.

Vorteile der Flachwicklung

Die neue Methode bot mehrere Vorteile gegenüber der älteren Spiralwicklung:

  • Eignung für kurze Haare: Die Technik funktionierte auch bei modernen Kurzhaarfrisuren.

  • Natürlichere Wellen: Statt enger Spirallocken entstanden weichere und gleichmäßigere Wellen.

  • Mehr Komfort: Die Wickler lagen flach an der Kopfhaut und erzeugten weniger Zug.

  • Mehr Sicherheit: Verbesserte Technik reduzierte das Risiko von Verbrennungen.


Das System „Mayer Realistic“

Um seine Erfindung zu vermarkten, gründete Josef Mayer 1927 das Unternehmen Mayer Realistic Karlsbad. Der Name „Realistic“ bezog sich auf das Ziel seiner Methode: eine möglichst natürlich wirkende Welle.

Das Unternehmen produzierte Dauerwellapparate, Haartrockner und Zubehör für Friseursalons.

Mayer ließ seine Technik weltweit patentieren und gründete Handelsvertretungen in zahlreichen Städten, darunter:

  • London

  • Paris

  • Wien

  • Berlin

  • New York

  • Melbourne

Internationale Gemeinschaft der Friseure

Im Zusammenhang mit seinem Dauerwellverfahren entstand eine internationale Gemeinschaft von Anwendern der sogenannten „Mayer-Realistic“-Methode. Diese Vereinigung brachte Friseure zusammen, die mit den entsprechenden Geräten und Techniken arbeiteten, und diente vor allem dem fachlichen Austausch sowie der Verbreitung standardisierter Arbeitsweisen.

Organisationen dieser Art waren in der Friseurbranche der Zwischenkriegszeit nicht ungewöhnlich. Viele Hersteller von Dauerwellgeräten bauten Netzwerke von Anwendern auf, um ihre Methoden zu verbreiten und Schulungen anzubieten.

Im Rahmen dieser Aktivitäten entstanden auch Pläne für ein internationales Erholungsheim für Friseure im Erzgebirge, das Kolleginnen und Kollegen aus verschiedenen Ländern offenstehen sollte.


Historische Bedeutung

Josef Mayer gehört zu den wichtigsten Innovatoren der Dauerwelltechnik. Während Karl Ludwig Nessler die erste funktionierende Dauerwellmaschine entwickelte, brachte Mayer eine entscheidende Verbesserung, die besser zur modernen Mode der 1920er Jahre passte.

Seine Flachwicklung machte die Dauerwelle praktischer, sicherer und ästhetisch moderner. Dadurch trug sie wesentlich dazu bei, dass sich die Dauerwelle weltweit als Friseurtechnik etablierte.


Die Erfindung der Flachwicklung durch Josef Mayer im Jahr 1924 markierte einen entscheidenden Wendepunkt in der Geschichte der Dauerwelle. Erstmals wurde das technische Problem moderner Kurzhaarfrisuren gelöst, und es entstand eine Methode, die sowohl für Friseure als auch für Kundinnen deutlich praktischer und alltagstauglicher war.

Mit seinem System „Mayer Realistic“ verband Mayer technische Innovation mit internationalem Unternehmertum und systematischer Ausbildungsarbeit. Seine Entwicklung steht für den Übergang von einer experimentellen Technik zu einer standardisierten, breit anwendbaren Friseurpraxis.

Josef Mayer zählt damit zu den zentralen Figuren der technischen Weiterentwicklung der Dauerwelle im 20. Jahrhundert. Seine Flachwicklung machte die Dauerwelle nicht nur effizienter, sondern auch kompatibel mit den ästhetischen Anforderungen der modernen Haarmode.

 
 
 

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