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Etienne Szeemann – Coiffeur in Bern (1908–1917)

  • Autorenbild: Nessler-Dauerwelle
    Nessler-Dauerwelle
  • 21. März
  • 3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 3. Apr.

Die überlieferten Quellen zu Etienne Szeemann erlauben einen seltenen, detailreichen Einblick in die Tätigkeit eines Coiffeurs im frühen 20. Jahrhundert.

Zeitungsanzeigen und zeitgenössische Hinweise zeichnen das Bild eines Friseurs, der sich zwischen internationalem Einfluss, handwerklicher Praxis und gesellschaftlicher Einbindung bewegte.

Sie zeigen nicht nur seine berufliche Entwicklung in Bern, sondern auch, wie sich moderne Techniken, wirtschaftliche Anpassung und Alltag in einer Zeit des Umbruchs miteinander verbanden.

Tätigkeit und internationale Ausrichtung (1908/1912)

Eine Anzeige aus dem Jahr 1912 belegt Etienne Szeemann als Coiffeur in Bern mit deutlich internationaler Prägung.

Unter der Bezeichnung „Szeemann’s Ondulateur ‘Perfect’“ bot er ein Gerät zur Haarwellung an, das eine schnelle und unkomplizierte Anwendung versprach. Solche Angebote zeigen, dass entsprechende Techniken bereits vor dem Ersten Weltkrieg Teil des Alltags geworden waren.

Besonders hervorzuheben ist die wiederholte Bezugnahme auf Städte wie Budapest, Wien, London und Paris. Diese Zentren der europäischen Friseurkunst dienten als Referenz und unterstreichen den Anspruch, sich an internationalen Entwicklungen zu orientieren und diese lokal umzusetzen.

Quelle: Der Bund (Bern), 16 Dezember 1908 Quelle: Der Bund (Bern), 7 Juli 1912

Moderne Methoden und Zeitgefühl (Mai 1914)

Im Mai 1914 bewirbt Szeemann eine „neue Frisiermethode“ als „Pariser Neuheit“.

Die Formulierung, diese Methode helfe „den Damen über viele Schwierigkeiten hinweg“, geht über eine rein technische Beschreibung hinaus. Sie verweist auf ein Verständnis von Körperpflege als Teil des alltäglichen Lebens und als Mittel, den eigenen Auftritt zu sichern.

Vor dem Hintergrund der sich zuspitzenden politischen Lage in Europa erhält diese Aussage eine zusätzliche Dimension. Sie lässt sich auch als Ausdruck eines Bedürfnisses nach Stabilität und Kontinuität in einer zunehmend unsicheren Zeit lesen.

Quelle: Der Bund (Bern), Anzeige Etienne Szeemann, 1914.
Quelle: Der Bund (Bern), Anzeige Etienne Szeemann, 1914.

Verankerung in der Gemeinschaft (August 1914)

Ein Aufruf aus der Berner Zeitung „Der Bund“ vom 3. August 1914 nennt Etienne Szeemann ausdrücklich als Anlaufstelle für Sammellisten zur Unterstützung von Familien österreichisch-ungarischer Staatsangehöriger.

Neben offiziellen Institutionen wird sein Geschäft als Ort genannt, an dem Hilfe organisiert wird. Diese Erwähnung macht deutlich, dass Szeemann innerhalb der lokalen Gemeinschaft eine vertrauenswürdige Position einnahm und über entsprechende soziale Verbindungen verfügte.

Quelle: Der Bund (Bern) 3. August 1914  Kriegserklärung-Mobilmachung
Quelle: Der Bund (Bern) 3. August 1914 Kriegserklärung-Mobilmachung


Alltag und persönliches Umfeld

Eine weitere Anzeige gibt Einblick in eine persönliche Situation: Für einen 11-jährigen Jungen wird eine Ferienunterkunft in der Region Neuenburg gesucht, wobei Zuschriften an Szeemann in Bern gerichtet werden sollen.

Diese Quelle ergänzt das Bild um eine persönliche Ebene und zeigt Szeemann im Alltag, jenseits seiner beruflichen Tätigkeit, bei der Organisation privater Angelegenheiten.

Quelle: Feuille d'AVIS de Neuchatel  5 Juli1915
Quelle: Feuille d'AVIS de Neuchatel 5 Juli1915


Anpassung und Spezialisierung im Krieg (1917)

Eine Anzeige aus dem Jahr 1917 dokumentiert eine deutliche Veränderung im Angebot. Während zuvor moderne Frisiermethoden im Vordergrund standen, wird nun die Spezialisierung auf „Postiche“, also Haarteile und Haarersatz, hervorgehoben.

Diese Verschiebung lässt sich im Zusammenhang mit den veränderten Bedingungen während des Ersten Weltkriegs verstehen. Sie zeigt die Fähigkeit, sich neuen Anforderungen anzupassen und das eigene Angebot entsprechend auszurichten.

Gleichzeitig bleibt die internationale Orientierung bestehen, indem weiterhin auf Erfahrungen in europäischen Metropolen verwiesen wird.

Quelle: Der Bund (Bern) 16 Dezember 1917
Quelle: Der Bund (Bern) 16 Dezember 1917

Verbindung zum internationalen Umfeld und zu Karl Ludwig Nessler

Die Tätigkeit von Etienne Szeemann lässt sich nicht isoliert betrachten, sondern steht im Zusammenhang mit einem internationalen Netzwerk von Coiffeuren, das sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts insbesondere in Städten wie London, Paris und Wien entwickelte.

Diese Zentren galten als Ausgangspunkte moderner Haartechniken und beeinflussten das Friseurhandwerk in ganz Europa nachhaltig.


Auch Karl Ludwig Nessler, der als Erfinder der Dauerwelle gilt, wirkte in diesem internationalen Umfeld. Seine Arbeiten entstanden in London und fanden von dort aus Verbreitung.

Zeitgenössische Hinweise sowie spätere Darstellungen deuten darauf hin, dass auch Etienne Szeemann in diesem internationalen Kontext tätig war. Die wiederholte Bezugnahme auf Städte wie Budapest, Wien, London und Paris sowie ein überliefertes Schreiben aus dem Umfeld Szeemanns mit Bezug zum Geschäft Nesslers lassen eine Verbindung innerhalb derselben Fachwelt erkennen.

Ein Hinweis auf diesen Zusammenhang findet sich in einem überlieferten Schreiben von Léotine Szeemann, Bern, vom 2. September 1953 an den Verfasser (Deutsches Museum).

Eine direkte Zusammenarbeit ist nicht belegt. Die vorhandenen Quellen zeigen jedoch, dass sich beide in einem vergleichbaren Umfeld bewegten und Teil jener Entwicklung waren, in der neue Methoden der Haarbehandlung entstanden und verbreitet wurden.

Vor diesem Hintergrund erscheint Szeemann als Vertreter jener Generation von Coiffeuren, die internationale Einflüsse aufnahmen und in die tägliche Praxis überführten.

Einordnung

Die Quellen zeigen Etienne Szeemann als Vertreter einer Generation von Coiffeuren, die moderne Techniken aufnahmen und in die Praxis überführten.

Er tritt nicht als Erfinder auf, sondern als Teil eines internationalen Umfelds, in dem sich neue Formen der Haarbehandlung entwickelten und verbreiteten.

Seine Tätigkeit in Bern zwischen 1912 und 1917 macht sichtbar, wie sich diese Entwicklungen im Alltag eines städtischen Friseurbetriebs niederschlugen – zwischen Innovation, Anpassung und gesellschaftlicher Einbindung.


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